Abschlussbericht 15.08.2009 von Sophie Köhler
Die letzten Wochen waren für uns alle mit Sicherheit die gefühlsstärksten und ereignisreichsten.
Ich selbst habe in den letzten 3 Monaten versucht, noch möglichst viel zu erleben und nachzuholen, was ich in einem Jahr des öfteren aufgeschoben habe, da ich dachte , ich hätte ja noch genug Zeit dafür. Die Zeit verging wie im Flug mit Youth Clubs im Yard, einem Trommelworkshop in Goot Marico mit der Girlsgroup aus Veeplas, Wochenendausflug nach Schalom, Urlaub in Mosambik, einem Besuch weiterer Weltwärtsfreiwilligen in Pretoria und deren Projekte und noch vielem mehr.
Außerdem haben Sina, Melanie, Laura und ich die Renovierung unseres Kindergartens vollständig abgeschlossen,
sodass wir uns gegen Ende mehr auf die Kinder und unsere Kindergärtnerin „Ouma“ konzentrieren konnten. Damit
wurden diese Beziehungen mit jedem Tag intensiver. Wir besuchten Ouma und ihre Tochter Ellah, die ehemalige
Kindergärtnerin unsere Creche, einige Male in ihrem Heimatdorf, was für mich von großem Wert war. Wir haben mit
ihnen gegessen und einfach nur etwas Zeit miteinander verbracht, die doch so wichtig ist, um einen tieferen
Einblick in die Kultur der Batswana zu erlangen. Ouma war gegen Ende schon wie eine Ersatzgroßmutter für
mich. Durch diese Besuche und das vertraute Verhältnis zu Ouma war auch die Arbeitsatmosphäre im Kindergarten
sehr entspannt.
Außerdem begeisterte ich mich immer mehr für Anne-Marie Sephtons Frauenprojekte. Ich half ihr einige Male
und stellte fest, wie sinnvoll ihre Arbeit ist. Jeden Mittwoch fuhren wir nach Tswaro. Eine Siedlung, in
welcher die Einheimischen weder Zugang zu sauberem Wasser haben noch über eine ausreichende Schulbildung
verfügen. Die älteren Menschen haben die Schule nie besucht, viele der Jüngeren haben sie vorzeitig abgebrochen.
Diesen Menschen fehlt es am Nötigsten und an jeglicher Motivation, ihre Lebenssituation zu verbessern. Das
erschwerte die Arbeit mit ihnen erheblich. Wir versuchten, mit den Frauen kleine Perlenengel anzufertigen. Diese
sollen dann in Deutschland verkauft werden, und der Erlös geht zurück an die Frauen. Leider ist die Feinmotorik
der Einheimischen so wenig ausgeprägt, dass wir jede Woche von vorne anfangen und den Frauen die Technik erneut
beibringen mussten. Traurig war auch zu sehen, wie schwach der eigene Antrieb ist. Jeden Mittwoch, nachdem wir 2
bis 3 Stunden Zeit mit den Frauen verbrachten, legten wir ihnen nahe, bis nächste Woche eigenständig mit den
Perlen weiterzuarbeiten. In meinem Optimismus war ich jedes Mal davon überzeugt, die Frauen würden dies gerne
und
aus eigenem Willen befolgen und wurde jede Woche aufs Neue enttäuscht. Ami bezeichnete diese Situation in
Tswaro so, dass die Menschen dort nur überleben, aber nicht leben. Sie zeigen keinerlei Freude, sobald sie etwas
erreicht haben, wie z.B. einen kleinen Engel aus Perlen anzufertigen oder auch ein Armband zu knüpfen. Diese Aussage
stand für mich im Widerspruch zu der Lebensfreude, welche die Einheimischen sonst so versprühen. Wir entschlossen
uns dazu, das Projekt auszuweiten und zusätzlich jeden Donnerstag mit den Müttern unseres Thuto Motheo Kindergartens
zu arbeiten. Leider fand dieses vor meiner Abreise nur ein Mal statt, schien aber vielversprechend zu sein. Die Frauen
zeigten an diesem Projekt Interesse und ich hoffe, dass sie auch die kommenden Wochen daran teilnehmen werden.
Sehr begeistert war ich von der Abschiedsfeier unseres Kindergartens, welche montags vor unserer Heimreise
stattfand. Ouma erzählte uns einige Tage zuvor, dass die Eltern selbst jeweils einen bestimmten Betrag Geld
beisteuern möchten, um uns zu zeigen, dass sie uns danken und etwas zu unserer Abschiedsfeier beitragen möchten.
Diese Bereitschaft hat uns sehr gerührt, gerade da die Eltern nicht viel haben, aber trotzdem bereit sind etwas zu geben.
Die Feier war sehr gelungen.
Mittags unternahmen wir mit den Kindern eine Schnitzeljagd, wobei jedes Kind ein kleines Abschiedsgeschenk überreicht
bekam. Dieses zeigten sie stolz ihren Müttern. Für mich war das ein sehr schöner Moment, da zu sehen war, dass die
Mutter-Kind-Beziehungen in dieser Siedlung doch sehr ausgeprägt sind. In unserem Jahr in Afrika haben wir oft miterleben
müssen, wie die Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern, wie Kinder weinten als sie nach Hause gehen mussten, wie sie von
ihren Eltern geschlagen wurden, kein gutes Essen bekamen, nicht zu Bett gebracht oder gewaschen wurden und vieles mehr.
Umso schöner war es für uns zu sehen, wie die Eltern an ihren Kindern Interesse entwickelt haben und durch Ouma und
uns gelernt haben, wie wichtig jedes einzelne Kind ist. Diese Veränderung haben wir bei einigen Elternteilen über das
Jahr miterleben können.
Als wir den Eltern die angefertigten Mappen der Kinder gaben, in welche wir Bastelarbeiten, die sich über das Jahr
ansammelten, eingeordnet hatten, waren sie alle stolz. Sie zeigten sich unter einander die Mappen, verglichen sie und
lachten viel. Dies war ebenfalls eine Reaktion, mit der ich nicht rechnete. Basteln und malen gelten als Nichtigkeiten,
die für das Leben der Batswana kaum von Interesse sind. Ich bin davon ausgegangen, dass diese Mappen wahrscheinlich sofort
im Feuer landen würden, sobald die Mütter sie mit nach Hause nehmen. Nachdem ich dagegen ihre Freude miterlebt habe, war
ich mir sicher, sie würden sie aufbewahren und weiterhin stolz auch anderen Menschen in ihrer Community zeigen.
Gegen Ende hielten die Mütter für uns sogar eine Rede, in welcher sie sich für alles bedankten, was wir in dem Jahr für
sie, die Kinder und Ouma getan haben. Dies hat mich ebenfalls sehr verwundert, denn die Einheimischen sind für gewöhnlich
nicht gerade dafür bekannt, große Reden zu schwingen. Doch alle Mütter kamen von sich aus auf uns zu, bedankten sich und
umarmten uns zur Verabschiedung.
Wenn ich nun, daheim in Deutschland angekommen, auf das Jahr zurückblicke, kann ich mit Sicherheit sagen, zufrieden zu sein.
Wir haben in unserem Kindergarten viel erreicht, ich selbst habe viele tolle sowie auch traurige Erfahrungen gemacht, die
mich in meiner persönlichen Entwicklung geprägt haben. Leider fühle ich mich nun etwas einsam, leer und orientierungslos,
auch wenn ich im Kreise meiner Familie und Freunde herzlich aufgenommen wurde.
Alles was ich mir wünsche, ist zurück in
Südafrika zu sein und die vielen tollen Menschen, die ich in diesem Jahr kennen gelernt habe, um mich zu haben. Meine
Wertvorstellungen haben sich im letzten Jahr stark verändert und lassen sich leider oft nicht mit der deutschen Lebensart
vereinbaren. Es wird noch eine Zeit dauern, bis ich mich hier wieder eingelebt haben werde. Der Kulturschock trifft mich
doch stärker als gedacht. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich noch einige Male nach Südafrika ins MRDP zurückkehren
kann und immer wieder so aufgenommen werde, wie es im August 2008 der Fall war.
Sophie Köhler, Eppingen 24.08.2009