JavaScript has to be enabled for this demonstration.

Quartals-Bericht von Jonas Schilling

Ich kann noch nicht recht abschätzen, was die Worte „Ein Jahr lang in Südafrika“ wirklich bedeuten. Sie verändern ständig ihr Gewicht. Doch der einzige Weg eine wirklich reflektierte Antwort zu finden ist nicht überflüssigen Gedanken nachzuhängen, die vom wesentlichen ablenken, sondern sich auf das Erleben zu konzentrieren.

Der Kleinbus hält mitten im Park neben dem kleinen Fluss. „Go and put the boy inside.“, sagt Meshack, der Fahrer, der neben mir sitzt. Ich steige aus und gehe zu Banana, der etwas verkrümmt auf dem Rasen liegt und schläft. Eigentlich heißt er Albert, aber seine Freunde nennen ihn Banana wegen der Form seines Kopfes.
Ich weiß nicht wie ich ihn wecken soll. „Just kick him.“, meint Meshack im Scherz. „Hey, Banana, wake up.“, sage ich und greife sein Handgelenk. Er ist verwirrt, streckt sich, steht aber sofort auf, als ich ihn auffordere zum Auto zu gehen. Hinten sitzen bereits Seun und Daniel, die wir schon vorher aufgesammelt haben. Banana setzt sich zu ihnen, wir fahren los. Eigentlich waren wir nur zufällig an dieser Stelle im Park, weil Seun sein Geld verstecken wollte. Wir fanden ihn mit Daniel bei einer Gruppe junger Obdachloser, zu der häufig die minderjährigen Kinder kommen, um mit ihnen unter den Bäumen am Fluss zu leben. Manchmal benutzen die „street adults“ die Kinder zum betteln oder entladen ihre sexuellen Bedürfnisse an ihnen. Die Gruppe, deren Anführer der sechsundzwanzigjährige William ist – auf der Straße heißt er Shimi – besuchen wir häufig. Als uns ein Parkwächter kürzlich darauf hinwies, dass diese jungen Männer hier unter den Bäumen im Dreck leben würden erwiderte Meshack nur lakonisch: „We know. They are our friends.“
Wir versuchen ein freundschaftliches Verhältnis mit ihnen aufzubauen, damit sie die Kinder fortschicken oder uns helfen sie zu überreden mitzukommen, wenn wir vorbeischauen. Dass Seun nun sein Geld vor diesen Jungs versteckt, bevor wir weiterfahren um ihn mit den anderen ins Shelter – „zu Thakaneng“ – zu bringen, macht auf traurige Art und Weise deutlich, in welchem Teufelskreis sich der Junge befindet: Er muss natürlich wiederkommen um das Geld zu holen, das bedeutet, er wird wieder weglaufen von Thakaneng, so wie jeden Abend und so wie jeden Morgen werden wir ihn wieder aufsammeln im Trim Park bei Shimi und den anderen Jungs. Die Natürlichkeit, mit der er aussteigt und zur Brücke rennt, unter der er die paar Rand versteckt, die Natürlichkeit, mit der Meshack auf ihn wartet, die Natürlichkeit, mit der er mir erklärt, was dieses Kind da tut macht die Realität dieses Lebens deutlich. Mit der gleichen Natürlichkeit erklärte mir Seun gestern, als wir ihn mal wieder im Park aufsammelten, was ihn an Thakaneng stört: „These rules are made for their lifes. That´s not my life. I want to stay here.“
Es ist Mittwoch, der 16. September 2009, der 31. Tag in Südafrika. Ich habe lange gebraucht, um wirklich anzukommen, staunte über die Begrenztheit eines menschlichen Hirns, das nicht fähig ist etwas Fremdes schlicht als Realität zu begreifen. Wir brauchen Krücken dafür. Wir sehen wilde Tiere, eine Deutsche sagt: „Wie im Fernsehen.“ Wir hören Löwengebrüll, ein Deutscher meint: „Wie eine Dolby-Surround-Anlage“. Niemand würde vor einer Dolby-Surround-Anlage stehen und sagen: „Wie Löwengebrüll.“ oder zu einem Bild im Fernsehen sagen: „Wie in echt“. Besonders die alltäglichen Dinge sind es, die immer wieder überraschend sind und die Schwerfälligkeit unseres Geistes beweisen: Eine Palme im Garten, Vogelgezwitscher, das vertraut klingt, aber von einem völlig fremden Tier kommt.
Und ebenso fiel es mir anfangs schwer mit den Kindern, mit denen ich arbeite, umzugehen, weil ihr Leben, ihre Geschichten, ja ihre Realitäten, die auf den ersten Blick so klein, so irrelevant wirken in Relation zu Zeit und Raum, setzt man sich tiefer gehend mit ihnen auseinander plötzlich gigantisch werden, unfassbar, fremd, zu groß für meinen Kopf, für meine Vergangenheit, für mein von Wohlstand, Sicherheit, Dekadenz, kurz: Begrenztheit geprägtes Leben.
Doch nun, scheint es mir, bin ich da.

Knapp zwanzig Jungen leben zurzeit im Shelter. Es sind Kinder, die aus schwierigen sozialen Hintergründen kommen. Ihre Eltern sind arbeitslos, alkoholabhängig, vernachlässigen ihre Kinder in jeder Hinsicht oder leben gar nicht mehr. Ein Junge wurde von seinem Onkel auf die Straße geschickt. Er konnte sich wohl nicht mehr um ihn kümmern. Viele haben tote Geschwister zu beklagen, sind völlig allein. Das Thakaneng-Projekt, hier in Potchesfstroom in der Nord-West-Provinz Südafrikas, stellt ihnen eine Unterkunft, Kleidung und Verpflegung zur Verfügung. Da die Kinderheime in der Gegend voll sind oder unter Personalmangel leiden ist das die einzige Möglichkeit für die Kinder und Jugendlichen. Die Kinder haben einen streng geregelten Tag, sie müssen zur Schule gehen, zweimal täglich das Shelter saubermachen und einer Menge and Verhaltensregeln folgen. Zwar sind diese noch nicht richtig umgesetzt, aber wir arbeiten daran, dass die Kinder sie instinktiv befolgen.
Doch in erster Linie – und das ist das wichtigste – beruht die Arbeit mit den Kindern auf einem guten zwischenmenschlichen Verhältnis zu ihnen. Denn da Thakaneng kein Kinderheim ist, darf keines der Kinder hier festgehalten werden. Die Kinder werden nicht per Gerichtsbeschluss zu uns geschickt, sondern kommen freiwillig mit. Ein paar Jungen hängen zurzeit in der Stadt herum, weil sie einen Metallfabrik beklaut und Angst haben, dass sie von der Polizei geschnappt würden, wenn sie mitkämen. Oliphant, der andere Fahrer und Verantwortliche für das „Outreach“ – Programm und ich fanden zwei von ihnen kürzlich in einem Park und sprachen mit den Jungs. Als sie schon längst im Auto saßen kam jedoch plötzlich eine Welle von Unsicherheit auf. Oliphant stieg aus, öffnete die Seitentür, stellte sich etwas abseits und meinte zu den Jungs, falls sie uns nicht vertrauten, seien sie frei zu gehen.
Ebenso sieht es im Shelter aus: Wenn die Jungen wünschen wieder nach Hause zu gehen, wird ihnen das gewährt, auch wenn es häufig damit endet, dass sie am nächsten Tag wieder von Meshack oder Oliphant, den beiden Fahrern, beim Betteln aufgesammelt werden. Es ist also häufig ein ständiger, oft ermüdender Kreislauf, die Kinder werden gebracht, gehen ein paar Tage in die Schule, schwänzen, gehen auf die Straße, kommen zu Thakaneng, rennen wieder davon,…
Doch unsere Projekt-Managerin, Corrie, macht deutlich, was der ständige Antrieb ist, der uns – die „Familie“, wie sie das zehnköpfige Thakaneng-Team nennt – weitermachen lässt: „If there is at least one boy who is successfull… it´s worth it.“

Alle anderen Deutschen, die über das DSJW nach Potchefstroom gekommen sind, wohnen im „Abraham Kriel“ – Kinderheim. Alina, meine „Kollegin“ bei Thakaneng und ich haben allerdings die Möglichkeit bekommen etwas entfernt in einer kleinen Wohnung zu leben. Auch wenn ich ständig zwischen dem Kinderheim und der Wohnung hin- und herpendle um ins Internet zu gehen oder einfach die anderen Deutschen zu sehen, bin ich doch sehr dankbar dafür. Ich brauche manchmal einen Raum in den ich mich zurückziehen kann. Ich habe hier einen kleinen schönen Garten, unsere Nachbarn haben zwei Hunde und außerdem bin ich nicht ständig von Deutschen umgeben. Es ist schon recht schwer interkulturelle Erfahrungen zu machen, wenn man ständig die Möglichkeit hat mit anderen Deutschen zusammen zu sein. Wenn man nie gezwungen ist einen „Kulturschock“ ertragen zu müssen. Ich merke, wie ich auch manchmal die Flucht in das Altbekannte brauche und deshalb ins Kinderheim fahre und daher bin ich froh, dass ich zumindest noch aufs Fahrrad steigen und einen Kilometer fahren muss. Ansonsten wäuuml;rde es mir wohl noch schwerer fallen mich zu öffnen.

Banana ist nun regelmäßig im Shelter, genau wie Seun. Ich mag Seun irgendwie, obwohl er einen ziemlich durchgeknallten Eindruck macht. Die zwei wollen aber noch nicht zur Schule. Sie rennen morgens nach dem Frühstück davon und warten bis die Fahrer weg sind, die die anderen zur schule bringen. Wir können die Kinder allerdings auch nicht einsperren oder zwingen. Daher warten wir, bis sie ich freiwillig dafür entscheiden, auch wenn es eigentlich zu den Regeln bei Thakaneng gehört zur Schule zu gehen. Die Kinder, die im Shelter wohnen aber nicht in die Schule gehen oder die schon morgens von der Straße aufgesammelt wurden nehmen wir manchmal mit auf „Outreach“. Einmal waren sie ganz gierig darauf mitzuhelfen. Normalerweise bemerken die Kinder auf der Straße den Thakaneng-Bus sofort, doch heute fuhren wir an zwei Jungen vorbei, die nicht so aufmerksam waren. Oliphant hielt an und ein paar der Jungs stiegen aus um die Neuen ins Auto zu holen. Die waren völlig überrascht und geschockt, als sie plötzlich von ein paar Gleichaltrigen gepackt und zu einem Auto gebracht wurden. Normalerweise gehen wir natürlich nicht so mit neuen Kindern um. Im Shelter versuchte ich Nick und William – die Neuen zu beruhigen. Sie sollten keine Angst haben, dies sei kein Gefängnis. Nick erzählte, sie wären von seinen Eltern in die Stadt geschickt worden um Nicks Großmutter zu besuchen. „The think they are clever.“, meinte Oliphant später zu dieser Geschichte. Wenn man in die Stadt ginge, würde man sich waschen und nicht mit schmutzigen Klamotten loslaufen. Das täten die Kinder um beim Betteln mehr Mitleid zu erregen. Aus dem gleichen Grund habe Nick den sehr viel jüngeren William mitgenommen.

Da in letzter Zeit häufig Beschwerden von der Gemeinde bei Thakaneng ankommen, dass zu viele Kinder auf der Straße zu sehen seien, schließen wir momentan manchmal die Tür des Shelters zu, damit die Kinder nicht ständig ein und aus gehen können. Wenn sie etwas Dringendes zu erledigen haben, wird ihnen aufgeschlossen. Es gehört eigentlich ohnehin zu den Regeln, dass niemand ohne Erlaubnis das Gelände verlassen darf.
Bevor mir jemand von diesen Beschwerden erzählte und ich die Sache verstehen konnte sollte ich heute ein paar Kinder, die vor der offenen Tür standen hereinbringen und abschließen. Da ich den Grund dieser Aufgabe noch nicht verstanden hatte, fiel es mir schwer den Kindern gegenüber überzeugend zu wirken. Sie spürten das natürlich sofort und ich hatte keine Autorität mehr. Simon, einer der älteren meinte, dass sie eingesperrt würden, sei der Grund, weshalb einige Jungs ständig weglaufen würden. Ich war plötzlich völlig verunsichert. Ich ging hinein und ließ Meshack die Kinder hereinbringen. Erst danach fragte ich Nomha, die „Assistant“-Managerin, warum die Jungs eingeschlossen werden sollten. Sie erzählte mir von den Beschwerden. „It´s for their own safety.“
Meine mangelnde Entschlossenheit belastete mich ein wenig, obwohl ich nun verstand woher sie gerührt hatte. Ich hoffte, dass die Kinder sich daran später nicht erinnern würden.

Es ist die siebte Woche in Südafrika. Alina, meine Mitbewohnerin und Mitfreiwillige und ich haben zurzeit einige Probleme mit unserer Chefin Corrie. Es sind nervige Dinge, die sich letztlich um schlechte Kommunikation drehen. Wir verschwenden unsere Zeit mit Gesprächen in ihrem Büro und den Gedanken, die wir uns nach der Arbeit machen. Dabei kann ich noch nicht einmal die Namen aller Kinder. Ich möchte einfach mal vier fünf Wochen am Stück arbeiten und richtig reinkommen in die Arbeit. Bis jetzt bin ich – was das Projekt betrifft – immer noch nicht angekommen. Das war eine meiner größten ängste, bevor ich hierher kam. Ich habe häufig Problem damit die Wirklichkeit unmittelbar wahrzunehmen, einzutauchen ins Leben, die Dinge die ich sehe und tue bis in jede Faser zu fühlen. Ich fürchtete, das könnte bei meiner Ankunft hier und besonders bei der Arbeit passieren, dass ich zwar körperlich da wäre, mit meinem Geist aber ständig im „Dazwischen“ hängen bleiben würde. Weder in Deutschland noch in Südafrika. Ein bisschen ist diese Angst nun Wirklichkeit geworden, aber ich bin noch zuversichtlich, dass mir noch genug Zeit bleibt.

Im Verlauf der nächsten Tage schwinden meine ängste langsam. Alina und ich bleiben nun häufig im Shelter, wenn die Fahrer auf „Streetwork“ gehen. Die Kinder kennen uns nun alle ziemlich gut und wir sollen nun jeden Montag eine von uns vorbereitete Aktivität mit den Kindern durchführen. Wir haben schon einige Ideen, wollen am 19. Oktober, wenn wir beginnen, erst einmal lockere Spiele mit den Jungs spielen und in den folgenden Wochen dann Dinge machen wie Plätzchen backen oder mit Pappmaché basteln.
Das wird unser Verhältnis zu den Kindern stark verändern. Außerdem überlegen wir, ob wir uns beim „Traffic Department“ eine auf ein Jahr befristete „Public Driver´s License“ kaufen. Damit wären wir in der Lage auch hin und wieder den Thakaneng-Bus zu fahren. Das sind Kleinigkeiten, aber da uns ohnehin noch die Kommunikation mit den Kindern etwas fehlt, die teilweise kaum Englisch können, so wie wir noch kein Setswana sprechen, sind das feine Veränderungen, die unsere Beziehung zu den Jungs stark beeinflussen können. Es macht einen anderen Eindruck, wenn wir nicht nur auf dem Beifahrersitz sitzen, Hallo sagen und fragen, wie es einem geht, sondern selbst den Bus steuern, der die Kinder zum Shelter bringen soll.

Zum Team bekommen wir ebenfalls ein immer engeres Verhältnis. Die erste Zeit war ständig unterbrochen durch Schulferien oder Fortbildungen, die wir besuchen sollten, nun haben wir endlich Zeit die Menschen, mit denen wir arbeiten richtig kennen zu lernen. Ich merke jedoch, dass ich eine ganze Weile gebraucht habe um meinen Platz zu finden und eigentlich noch immer damit beschäftigt bin. Zwar wird immer betont, dass wir als ein Team arbeiten, also Entscheidungen gemeinsam fällen, aber dennoch gibt es immer wieder Punkte, an denen man mehr oder weniger verborgene Hierarchien erkennen oder besondere Umgangsformen beachten muss. Kürzlich in einem der wöchentlichen „Staff-Meetings“ antwortete ich auf eine Frage, die eigentlich nicht an mich gerichtet war, womit ich mir einen extrem strengen Blick meiner Chefin einfing. Ich entschuldigte mich und war eine Weile völlig verunsichert, ich konnte mir in diesem Moment nicht vorstellen, dass eine bloße Unbedachtheit meinerseits, etwas, das ich mir nie als einen Fauxpas hätte vorstellen können auf andere Menschen so heftig wirken kann. Im Verlauf des Meetings merkte ich, dass mein Fehler nicht weiter schlimm war, wir fingen bald wieder an zu scherzen und gemeinsam zu lachen. Nichtsdestotrotz sind das Dinge, aus denen man zu lernen hat. Wie bereits gesagt: Die feinen Hierarchien erkennen und gewisse Dinge, die einem harmlos erscheinen aber anderen Menschen respektlos vorkommen können, vermeiden.

Es ist Mitte Oktober. Vor kurzem kam einer unserer ältesten Jungs - Daniel, er ist 17 - aus dem Gefängnis wieder. Er hatte im Shelter Kleber geschnüffelt, war mit ein paar anderen Jungs in einen Streit geraten und hatte dann dem völlig unbeteiligten Smart, der viel jünger und kleiner ist mit einem Brotmesser in den Kopf und in die Schulter gestochen. Smart kam glücklicherweise mit relativ ungefährlichen Verletzungen davon, musste aber zwei Tage im Krankenhaus verbringen.
In mir kam Hass auf, als Daniel nun aus dem Auto stieg – er war von Meshack zum Shelter gefahren worden – und sich beim Hereinkommen erst einmal mit lustigen Sprüchen feiern ließ. Smart schaute er dabei nicht an.
Ich fragte später Shango, eine der Child Care Workerinnen, warum Daniel wieder aufgenommen werde. Sie meinte, dass er sich noch bei Smart entschuldigen müsse, er aber eine zweite Chance bekäme. Demnächst müsse er jedoch wieder zum Gericht.
Gibt es eine Grenze, ab der man keine zweite Chance mehr bekommen sollte? Natürlich wünscht man es keinem Kind im Gefängnis zu landen, aber kann man es moralisch rechtfertigen solch ein Kind wieder aufzunehmen, als sei nichts geschehen?
Diese Fragen zielen in eine ähnliche Richtung wie die Frage nach dem Sinn der Todesstrafe. Doch es gibt einen markanten Unterschied: Was mich die Todesstrafe nicht akzeptieren lässt ist nicht, dass dem Verurteilten keine Chance mehr gegeben wird, sondern, dass Verbrechen mit Verbrechen vergolten wird.
Einige Menschen haben keine zweite Chance verdient. Wenn Daniel, der bald volljährig ist und auf eigenen Beinen stehen muss, wir also nichts mehr für ihn tun können, ein kleines Kind mit einem Messer sticht, also die Vorstellung in Kauf nimmt, dass dieses Kind sterben könnte, dann hat doch das Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“ versagt! Ich glaube, so grausam es klingt, ich könnte den Gedanken akzeptieren diesen Jungen auf die Straße zu schicken und ihn seinem Schicksal zu überlassen. Denn was können wir nun noch für ihn tun?

Die Kinder bei Thakaneng haben keinen persönlichen Besitz. Kürzlich ging ich mit Smart zu einem anderen, sehr heruntergekommenen Gebäude, das früher auch als Shelter benutzt wurde, um einen Tisch zu holen, auf den wir einige der neuen Computer stellen wollten, die das Projekt gespendet bekommen hat.
Smart nahm zwei, drei Kinderbücher mit, die dort noch unbenutzt herumlagen und verstaute sie sorgfältig in einem Pappkarton.
Viele der Jungs sind jedoch auch überhaupt nicht in der Lage Dinge wertzuschätzen. Sie verlieren Einzelteile aus Spielen oder Puzzles, machen die wenigen Fußbälle kaputt.
Kürzlich kam ich ins Shelter und musste bestürzt feststellen, dass selbst die weiße Kugel des teuren Billardspiels, das im Haus steht, fehlt. Ich fragte einen der Jungen, wo die Kugel sei. „It ran away.“, antwortete er. Am liebsten hätte ich ihn angeschrieen: „Nein, verdammt! Eine Kugel hat keine Beine. Jemand von euch hat sie aus Frust oder Wut oder bloßer Langeweile weggeworfen.“ In solchen Situationen kann man sich kaum zwischen Wut und Traurigkeit entscheiden. Zwischen den Gefühlen hängend steht man dann wortlos da. Diese Einstellung der Kinder allem gegenüber, was irgendwie von Wert ist, hat etwas von existenzieller Hoffnungslosigkeit. Nicht Hoffnungslosigkeit im Sinne von purer Verzweiflung, sondern das unausweichliche Gefühl, dass es keine Zukunft gibt, aus der man irgendwelche Hoffnungen ableiten könnte. Das Gleiche macht die Geschichte mit den Jungs deutlich, die die Metallfabrik beklaut haben. Was werden sie beim Schrottplatz wohl für ihre Beute bekommen haben? 100 Rand? Für diese Kinder anscheinend genug um alles zu riskieren und abzuhauen. „Verdammt!“, dachte ich mir, als ich hörte, dass Tumelo – einer dieser Jungs – bereits im Gefängnis sitzt. „Das ist keine dekadente pseudo-kunstvolle „No Future“ – Melancholie! Das ist echt!“

Es ist mittlerweile Ende Oktober. Einige der Jungs weigern sich zur Schule zu gehen und sind deswegen den ganzen Tag im und um das Shelter. Eigentlich entspricht das nicht den Regeln, aber die Jungs rennen häufig nach dem Frühstück weg und kommen wieder, wenn alle anderen in der Schule sind. Mittlerweile wird das allerdings zum Problem, da die betreffenden Kinder ständig unter Drogen stehen, die sie auf dem Feld hinter dem Shelter verstecken oder von ihren Freunden bekommen. Außerdem beginnen sie langsam den Mitarbeitern auf der Nase herumzutanzen. Sie haben kaum Respekt vor Menschen, die eigentlich Autoritätspersonen für sie darstellen sollten.
Alina und wollen nun langsam anfangen mehr speziell mit diesen Kindern zu arbeiten. Wir wollen morgens diverse Aktivitäten mit ihnen durchführen wie Kochen oder Basteln, die nicht nur vertrauensbildend wirken sollen, sondern die Kinder auch Schritt für Schritt wieder motivieren sollen zur Schule zu gehen. Außerdem hilft uns das sie besser in der Hand zu haben, da wir Möglichkeiten bekommen die Kinder zu disziplinieren. Es mag sehr rabiat klingen, aber demnächst wollen wir zum ersten Mal mit Allen Schwimmen gehen und ein Junge wird als einziger nicht mitkommen, da er sich mir gegenüber sehr arrogant verhielt, weglief, als ich ihn um seine Hilfe bat und Zigarette rauchend wiederkam. Sich mit seinem „Mut“ brüstend stand er vor mir und pustete mir den Rauch entgegen.
Ich merke, dass ich anfangs den Fehler machte nicht strikt und konsequent genug mit schlechtem verhalten der Kinder umzugehen (was nicht bedeutet extrem streng oder unverhältnismäßig zu sein!). Um meine Autorität zu wahren muss ich von nun an klarer durchgreifen, auch wenn ich jemand bin, der eigentlich nicht gerne bestraft.

Für Alina und mich hat es wesentlich länger gedauert richtig in unsere Arbeit hineinzufinden als für die anderen Deutschen, die mit uns hierher nach Potchefstroom kamen und im „Abraham Kriel“- Kinderheim arbeiten. Sie mussten einfach einem streng geregelten Tagesablauf folgen, den die Kinder in- und auswendig können und sich auch daran halten. Wir jedoch müssen vielmehr mit jedem Kind einzeln arbeiten, Vertrauen schaffen, eine Beziehung aufbauen. Versäumen wir das bei einem Kind, dann läuft es davon. Außerdem ist unser Team sehr klein (wir sind nur zu zehnt), daher arbeiten wir viel enger zusammen. Um in diese Arbeitsweise hineinzufinden braucht man viel Zeit und muss vor allem auch die Menschen kennen lernen, mit denen man es zu tun hat. Das fiel uns teilweise sehr schwer, da wir am liebsten in völliger Eigeninitiative losgelegt hätten. Zusätzlich sind wir erst die zweiten Freiwilligen beim Thakaneng-Projekt, vor uns war eine Studentin für viereinhalb Monate da. Man merkt noch häufig, dass das Team wenig Erfahrung mit Volontären hat.
All diese Prozesse sind auch noch immer im Gange.
Nun, nach beinahe drei Monaten fühle ich mich jedoch immer besser. Es sind Kleinigkeiten, die die gewaltigen Unterschiede ausmachen. Das Gelächter der Kinder letzten Montag, als wir ein sehr stupides aber lustiges Spiel spielten, die Metallschränke, die nun zu unserer Verfügung stehen um Bastelmaterialien zu lagern, das Klatschen der Jungs, als wir ihnen erzählten, dass wir Schwimmen gehen werden, ein Schulterklopfen, nachdem man zusammen beim Fußball ein Tor geschossen hat.
Ich merke, dass diese Gedanken eine tiefe Ironie bergen. Wollte ich nicht herkommen um andere Menschen sich besser fühlen zu lassen? Natürlich tue ich das, aber es ist erstaunlich zu beobachten, wie man sich selbst dabei verändert.
Ich lese gerade Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“. Eine Stelle lautet:

Wovon hängt es ab, wenn wir einen Monat als eine erfüllte Zeit, als unsere Zeit erlebt haben, statt einer Zeit, die an uns vorbeigeflossen ist, die wir nur erlitten haben, die uns durch die Finger geronnen ist, so dass sie uns wie eine verlorene, verpasste Zeit vorkommt, über die wir nicht traurig sind, weil sie vorbei ist, sondern, weil wir aus ihr nichts haben machen können?

Ich glaube, momentan könnte ich diese Frage so für mich beantworten, dass die Zeit es für mich momentan dann wert ist durchlebt worden zu sein, wenn ich sehe, dass meine Arbeit etwas verändert und seien es nur die kleinsten oder unscheinbarsten Dinge.

Ich denke, mit dieser Feststellung komme ich auch der Beantwortung einer Frage näher, die mich schon seit Beginn meines Aufenthaltes in Südafrika beschäftigt:
Viele Menschen hier sind sehr religiös, einige der Kirchen hier würden in Deutschland eher als Sekten bezeichnet werden. Unser Staff-Meeting donnerstags beginnt immer mit einem Gebet, unsere Chefin sagt, wir seien Teil des Plans Gottes, würden unsere Kraft aus seinem Willen ziehen und für „seine Kinder“ arbeiten.
Ich kann solche Religiosität problemlos akzeptieren, glaube aber selbst nicht an Gott, bzw. habe keine Lust mich mit religiösen Fragen auseinander zu setzen, solange sie metaphysischer Natur sind.
Daher stellt dieser Freiwilligendienst auch eine Art philosophisches Experiment für mich dar:
Gibt es eine Moral, die nur aus unserem Inneren kommt? Eine Moral ohne Gott und den Teufel? Eine primitive, archaische, instinktive Moral? Eine echte?
Es mag halsbrecherisch klingen einen einjährigen Freiwilligendienst zu beginnen ohne die Antwort auf diese Frage zu wissen. Nicht, dass ich unmoralisch wäre. Ich möchte nur herausfinden, was ich durch Erziehung und Kultur in mir trage und was aus meinem Innersten, einer tiefer liegenden Quelle kommt.
Ich glaube nicht, dass viele Menschen, die nicht vollkommen von Religion überzeugt sind meine Fragen wirklich reflektiert beantworten können. Kann mir nun die simple Erkenntnis, dass ich glücklich bin, wenn ich daran denke, dass ich nächste Woche mit ein paar Kindern einen Kuchen backen werde, statt sie mit ihren Kleberflaschen alleine zu lassen, eine Antwort auf diese Frage von solch existenzieller Bedeutung geben? Ich weiß es noch nicht, aber ich habe noch Zeit.