Quartals-Bericht von Imme Ellebrecht
Fuer gewohenlich sagt man, dass man sich nach einem dreimonatigen Auslandsaufenthalt einigermassen eingelebt habe. Fuer mich ist es jedoch immer noch unfassbar, in diesem stillen, netten und verzauberten Oertchen gelandet zu sein und noch weitere neun Monate bleiben zu duerfen. Ich weiss nicht mehr genau, wie meine Erwartungen zu Beginn des Freiwilligenjahres bezueglich meiner zukuenftigen Umgebung aussahen, doch die suedafrikanische Atmosphaere und vor allem die urspruengliche wilde Nautur um uns herum uebertreffen sie bei weitem.
Das letzte Halbjahr in der Schule war eines der haertesten in meiner Schullaufbahn und samt meinen ganzen Reisen, meinen Aufgaben als Pfadfinderleiterin und Jugendmitarbeiterin in unserer Kirchengemeinde, meinen Bemuehungen bezueglich des zukuenftigen Studienplatzes, der nervenaufreibenden Berwerbungsphase um einen Weltwaerts-Platz und meinen schulischen Angelegenheiten war es insgesamt eine sehr stressige Zeit, deren Anspannung bis zum letzten Tag in Deutschland blieb. Nach einer zermuerbenden zweitaegigen Reise nach Suedafrika, die mir zwei schlaflose Naechte bescherte, kam ich gluecklich, aber ausgelaugt und mit insgesamt ca. 8 Kilo Uebergepaeck im On-Arrival-Seminar in der INYALA-LODGE an. Die huebsche urige und sehr komfortable Lodge mitten in einem Nationalpark mit Giraffen, Zebras und allem drum und dran schien sehr unwirklich. Neben vielen Diskussionen ueber AIDS, Bedingungen beim Arbeiten und uns persoenlich, kleinen Teambildungs-Spielchen, interessanten Vortraegen und leckerstem Essen, wurden wir gleich am zweiten Tag mit einer sehr beeindruckenden Safari ueberrascht. Noch nicht wirklich in Suedafrika angekommen und schon gleich die Schaetze der Natur zu sehen bekommen, das war in der Tat ein netter Start ins Freiwilligenjahr. Eine weitere sehr inspirierende Praesentation gab es von einem jungen Ehepaar aus Potchefstroom, die ein gewaltiges Projekt auf die Beine gestellt haben, um Muettern im Township eine Gelegeheit zu geben, sich aus eigenen Kraeften eine Zukunft aufzubauen. Das Motto lautet: Development statt Charity und ist wirklich faszinierend. Nach einer weiteren Nacht auf der MRDP-Farm, auf der 13 weitere `german students` - wie wir von jedem liebevoll genannt werden – sowie unser Mentor Arno leben, wurden Silke und ich schliesslich nach Groot Marico auf die Guestfarm von Jolene namens `Djembe` gebracht.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir leben auf einer kleinen suessen Farm, 200 Meter vom Fluss `Marico` entfernt, in einer kleinen suessen Huette, die wie die anderen Bauten hier auf dem Grundstueck ausschliesslich aus natuerlichen Materialien hergestellt wurde. Umgeben sind wir von dem wilden, einmaligen, wunderschoenen Bushveld, in dem wir ohne Probleme herumlaufen koennen, wenn wir nicht zu eingeschuechtert von den grausamen Geschichten ueber Black Mambas sind. Neben Jolene hat uns auch Lesego begruesst, ein in Suedafrika sehr bekannter schwarzer Poet, der sowohl Tiefsinn als auch verspielte Jugend in sich vereint. Er wurde von seinem Verleger nch Groot Marico geschickt, um sich von der unendlichen Schoenheit und Ruhe inspirieren zu lassen.
Am selben Abend noch, es war ein Donnerstag, fuhr Jolene mit uns beiden zu Jaques auf die Farm River Still, auf der ein Trommel- und Musikabend stattfand. Mit von der Partie waren ebenfalls Johann, ein benachbarter Kuenstler, Santa und Egbert von Bart, zweifelsohne sehr ausdrucksstarke Persoenlichkeiten und Lesego. Auf diese Weise lernten wir auf einen Schlag den Freundeskreis von Jolene bzw. einen Teil der Herman Charles Bosman Society sowie deren Lieblingsbeschaeftigung, sich mit traditionellen Musikinstrumenten in Trance zu trommeln bzw. musizieren, kennen. Es war ein beeindruckender sowie etwas fremdartiger Abend.
Die Arbeit im Chreche (suedafrikanischer Kindergarten) oder auch `Thusanang Early Learning Centre‘ war in der ersten Zeit unglaublich anstrengend. Mit zwei Fahrraedern, die Jolene uns fuer die 5 Kilometer dustroad ausleiht, fahren wir jeden Morgen eine viertel Stunde zum Chreche in die Stadt, sodass wir mehr oder weniger puenktlich um 8:00 Uhr dort ankommen. Entgegen unseren Erwartungen war der Chreche sauber, gepflegt und dank dem grosszuegigen Rotary Club in Rustenburg mit allem Wichtigen ausgestattet, was ein Kindergarten benoetigt, einschliesslich eines Gemuesegartens und eines Trampolins (ich brauchte also keine Entzugserscheinungen mehr zu haben ;-)). Die bis zu 55 von 2-6 Jahre alten Kinder sind alle schwarz, ueberwiegend gepflegt, sauber aussehend und in zwei Gruppen aufgeteilt: eine kleinere mit den kleineren Kindern und dem schwarzen `teacher` Margareth sowie eine grosse Gruppe mit den aeltern Kindern, die Betty, die Leiterin des Kindergartens betreut. Weiterhin war da noch die Koechin Elemina, die jedoch aufgrund ihrer Krankheit (AIDS) der neuen Koechin Lebogang Platz machen musste. Waehrend Margaret und Betty ein wenig Englisch sprechen und die Kinder darin auch unterrichten, sprechen die Kinder fast ausschliesslich Setswana, die Sprache des in dieser Region ansaessigen schwarzen Stammes. Viel konnten wir am Anfang daher nicht helfen, da eine Horde Kinder schlecht ohne Setwana-Kentnisse in Schacht zu halten ist. Langsam haben wir jedoch die Basisvokablen gelernt bzw. genug Befehlsbegriffe, um den Kindern deutlich zu machen, wie sie sich verhalten sollen und dadurch auch ein wenig mehr Respekt erfahren. Ebenfalls in der ersten Woche wurden uns Setwana-Namen verpasst, damit wir auch ansprechbar sind (unsere deutsche Namen stellen eine zu grosse Ueberforderung dar). Ich heisse Boitumelo, was in Setswana so viel wie Froehlichkeit bedeutet und Silke Lerato (Liebe).
Mit der Zeit lebten wir uns immer mehr ein, lernten die Kinder lernen und lieben sowie das tagtaegliche Programm. Wir helfen viel in der Kueche und haben ein System entwickelt, bei dem wir immer 5-6 Kinder aus der grossen Gruppe herausnehmen und uns mit ihnen individuell beschaeftigen. Unser `Boss` Santa ist meistens zufrieden mit uns ☺.
Nach einem Monat eroeffneten Silke und ich wieder das After School Centre, welches die Freiwillige vor uns ins Leben gerufen hatte. Silke und ich fuhren mit Santa in die benachbarte High School `Thuto ke matla`, die ausschliesslich von schwarzen Schuelern besucht wird, gaben den interessierten Schuelern eine Chance sich zu bewerben und suchten aus den unterprevilegierten, mittellosen Schuelern 6 Maedchen aus, die ab dem Tag von Montags bis Donnerstags von 14.30 Uhr bis 17.00 Uhr im Thusanang erschienen. Die Idee ist es, ihnen ein ordentliches selbst gekochtes Mittagessen zu geben, sie im Umgang mit dem Computer vertraut zu machen, ihnen eine nette Atmosphaere fuer Hausaufgaben zu geben, eine Art Nachhilfe zu ermoeglichen und mit ihnen an iher Persoenlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Die pubertierenden Maedchen machen es uns nicht zuletzt dank der kulturellen Unterschiede durchaus nicht immer leicht mit ihnen zu arbeiten, aber sie haben uns oefters deutlich gezeigt, wie sehr sie das After School Centre und uns schaetzen. Denn das Lernniveau auf ihrer Schule und die Kompetenz der Lehrer ist alles andere als perfekt und somit haben die wengisten Schueler, die ueberwiegend aus aermlichen unstabilen Haushalten kommen, eine Chance, einen Abschluss schaffen, zur Uni zu gehen und sich somit eine andere Zukunft aufzubauen als die der Eltern.
Waehrend das Wetter nach unserer Ankunft unertraeglich kalt war und wir nachts unter mindestens drei Decken schliefen, hat sich das Wetter ein wenig gewandelt und es ist Sommer geworden. Trotz der abwechslungsreichen Tage, an denen es ploetzlich giesst wie sintflutartige Wasserfaelle, apokalypsenartig blitzt, donnert und stuermt oder windet wie gefuehlte 12 Windstaerken ist es ueber den Tag doch meistens seeeehr heiss (ca. 40 Grad).
Da Silke und ich den Wunsch auesserten, Jolene beim `womans project` zu unterstuetzen und mit den Frauen aus dem township von Groot Marico namens Reboile zu basteln und handwerklich kreativ zu werden, wurde kurzerhand eine weitere Freiwillige, Lisa, zu uns geschickt. Seit 1 ½ Monaten rotieren wir drei also zwischen Chreche und dem Craft shop, in dem wir arbeiten. Zwei arbeiten jeweils durchgaengig im Chreche und wechseln sich mit dem After School Centre ab und eine arbeitet mit Jolene im Craft shop, sodass ein Drei-Wochen-Zyklus entstand. Im Craft shop zu arbeiten und zu basteln macht zwar gehoerig Spass, doch bis jetzt konnte Jolene noch nicht viele schwarze Frauen und Maenner dazu begeistern, mit uns zu arbeiten. Stattdessen haben wir mit Hilfe eines weissen Priesters erfolgreich eine Gruppe von Frauen in Silverkraans zusammengetrommelt, mit denen wir uns einmal die Woche treffn, Kaffee trinken und naehen.
Ein typischer Tag sieht bei uns also so aus, dass wir von 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr entweder im Chreche und im After School Centre oder im Craft shop mit Jolene beschaeftigt sind, und ab 17.oo Uhr die Yogaklasse besuchen, die aber auch nur sporadisch stattfindet.
Groot Marico ist deshalb so besonders, da Hermann Charles Bosman, ein beruehmter Schriftsteller, hier fuer 6 Monate gelebt hat und diesen Ort als Gegenstand und setting seiner meistens sehr erfolgreichen und ueberraschend humorvollen Geschichten gebraucht hat. Er findet diesen Ort magisch und zauberhaft inspririerend wie viele Mariquenos es heute noch tun. Die Leute sagen hier: Dieser Ort ist besonders. Die Menschen sind hier anders und fuehren es, wenn ueberhaupt, auf den Marico Mond, den Feuertrank Mampoer, Legenden wie die von der Wasserschlange oder einfach auf eine undefinierbare auserwaehlte Besonderheit zurueck. Uns kann man hier natuerlich alles erzaehlen, da wir keine Vergleiche haben. Aber wir glauben gerne, dass dieser Ort hier ANDERS ist. Leicht spirituell angehaucht ist auch nicht nur der Ort. Es gibt kaum jemand, der nicht an Geister oder die Legenden der Wasserschlange glaubt sowie die wunderbare Wirkung der Natur auf die Gemueter. Jolene kam mit dem Vorschlag an, um 6.00 Uhr aufzustehen, eine halbe Stunde zu joggen oder spazieren zu gehen und danach eine halbe Stunde zu meditieren. Nach anfaenglichem Entsetzen, da ich leidenschaftliche Langschlaeferin bin, raffte ich mich eines Morgens auf und hatte den schoensten Morgen seit langem. Seit diesem Tag ist daraus eine angenehme Routine geworden, die keine Probleme bereitet, solange man nur frueh genug ins Bett geht. Da die Sonne um 7.00 Uhr schon ueber alle Berge ist, und unsere Arbeitstage einigermassen anstrengend sind, liegen wir alle um neun schlafbereit in den Betten. Im Gegensatz zu Deutschland leben wir hier lockerer, stressfreier und vor allem ohne Zeitdruck. Unsere Uhren haben einen Grossteil ihrer Wirkungen verloren und unsere Hinterkoepfe sind nicht voll mit irgendwelchen viel zu grossen Listen von Aufgaben, die schnellstmoeglich abgearbeitet werden. Erfolgreich haben wir uns das suedafrikanische Motto und den meist gesagten Satz in unseren Lebensalltag aufgenommen: We`ll see... Wir haben Zeit, Briefe zu schreiben, unsere Seele baumeln zu lassen, zu basteln und malen sowie inspirierende Buecher zu lesen und in Ruhe ueber unsere Bestimmung in unserem Leben nachzudenken. Vielleicht klingt es etwas abgehoben und ich beschreibe es gerade auch mit sehr schmuckvollen Worten, doch die Atmosphaere wirkt definitiv `peaceful` auf den Menschen.
Wenn wir nicht gerade gegen ungleich grosse, mehr oder weniger aggressive Spinnen, Schlangen und Froesche um unser Leben kaempfen, besuchen wir oefters unsere Nachbarsfarmen und schwimmen an den fantastischen Badestellen. Am Wochende ist haeufig auf dem Herman Charles Bosman Living Museum Programm, wenn Touristen oder ganze Grundschulen kommen, um mehr ueber Bosman, die einheimischen Baeume, Mampoer und traditionelle Kunst zu erfahren. Einen Hoehepunkt stellte das Bosman-Festival dar mit seinen tausend Attraktivitaeten und Shows sowie der `spring street market`, an dem ausnahmsweise schwarze und weisse Menschen zusammen ihren Spass hatten und bis spaet durch die Strasse tanzten. Ansonsten herrscht hier immernoch strenge Rassentrennung, sowohl zwischen schwarz und weiss als auch zwischen den schwarzen Staemmen untereinander. Wenn wir im township zum Gottesdienst gehen, sind wie die Attraktion schlechthin.
Ansonsten liebe ich es, hinten auf dem Bakkie zu stehen und ueber die dustroads zu brausen, sowie nach dem immer unterschiedlich aussehenden Sonnenuntergang in den klaren Sternenhimmel zu schauen und Jupiter zuzugucken, im Mondscheinlicht mit unseren Mountainbikes durch den Busch zu fahren sowie abends am Feuer zu sitzen und Jolene beim Gittare spielen und singen zuzuhoeren.
So viel erstmal zu den ersten drei Monaten in Groot Marico. Natuerlich habe ich nur einen Bruchteil beschreiben koennen. Zur Zeit sind wir gerade dabei, Internet zu installieren und unsere ersten Ferien zu planen, in denen wir die Wild Coast unsicher machen wollen. Wie man dem Bericht sicherlich entnehmen kann, geht es mir gut!
Liebe Gruesse
Imme Ellebrecht